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Terrorismus - Provokation der Macht

(Rezension des gleichnamigen Buches von Peter Waldmann)

Das Phänomen Terrorismus hat viele Facetten. Es umfasst die linksradikale RAF in der BRD und den maoistischen „Leuchtenden Pfad“ in Peru genauso wie die rechtsgerichtete „Triple A“ in Argentinien oder den rassistischen „Ku-Klux-Klan“ in den USA, es tritt im religiös-fundamentalistischen Gewand ebenso auf wie im Mantel einer ethnisch-nationalistischen Separatistenbewegung.
Von den russischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts bis zu hin den radikalen islamischen Fundamentalisten der Gegenwart zeigt sich das Gesicht des Terrorismus äußerst vielgestaltig. Das einzige, was alle terroristischen Aktivitäten auf einen gemeinsamenNenner bringt, sind schockierende, willkürlich erscheinende Gewaltakte und die Empörung, die diese hervorrufen.

Peter Waldmann übernimmt nun die verdienstvolle Aufgabe, diesem „schillernden Begriff“ (S. 18) ein klares Profil zu verleihen und ihn von ähnlichen Phänomenen wie Guerillakrieg oder staatlichem Terror abzugrenzen.
Der Augsburger Soziologieprofessor, der sich bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema einen Namen als Terrorismus-Experte gemacht hat, definiert Terrorismus als „planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.“ (S. 10)

Peter Waldmann erfüllt sein Versprechen, die Problematik Terrorismus „möglichst vorurteils- und emotionslos zu betrachten“ (S. 9), voll und ganz. In einem sachlichen,präzisen und ansprechenden Stil liefert der Autor einen systematischen Überblick über dieses viel diskutierte Thema.
Bereits in der Einleitung betont er, dass der Terrorismus als bevorzugte Gewaltstrategie schwacher Gruppen vor allem ein Ziel hat: durch spektakuläre Anschläge öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Peter Waldmann gelangt zu dem nüchternen, angesichts der Opfer vielleicht sogar zynisch klingenden Fazit, dass der Terrorismus „primär eine Kommunikationsstrategie“. (S. 12f.) sei. Die Schock- und Zerstörungseffekte seiner Aktionen dienten dem Terroristen lediglich als Mittel, um Signale zu setzen, um den Menschen etwas mitzuteilen. In diesem Sinne setzen sich terroristische Anschläge „gezielt über die jeweils geltenden rechtlichen und moralischen Konventionen hinweg, sie zeichnen sich oft durch besondere Unmenschlichkeit, Willkür und Brutalität aus“ (S. 11).

Doch - wie bereits erwähnt - ist es dem Terroristen ebenso wichtig, Sympathisanten zu gewinnen und größere Teile des Volkes für „seine Sache“ zu begeistern. Der Frage, unter welchen Bedingungen eine gewalttätige Gruppierung, deren Opfer in der Regel Unschuldige sind, tatsächlich Sympathiebekundungen ernten kann, geht Peter Waldmann in seinem zweiten Kapitel nach, wo er „das terroristische Kalkül“ genauer unter die Lupe nimmt. Ein Grundprinzip der terroristischen Strategie sei die sogenannte „Aktions-Repressions-Spirale“: Durch den Terrorismus soll die Staatsmacht zu überzogenen Repressionen verleitet werden, die beim Volk weitaus mehr Empörung hervorrufen als die vorausgegangenen Terroranschläge.
Terroristen versuchen dadurch, ihren Feind als maßlos, ungerecht und brutal, d.h. als den eigentlichen Aggressor zu entlarven.

Im dritten Kapitel gibt der Autor eine knappe Zusammenfassung der Geschichte des Terrorismus. Trotz seines Einwandes, es wäre „verfehlt, anzunehmen, Terrorismus sei eine Erfindung der Moderne“ (S. 40), führt er aus, dass die politische Gewalt in der Moderne einen „Evolutionssprung“ (S. 49) getan hat, der im 19. Jahrhundert - parallel zur Erfindung des Dynamits und der Verbreitung der Massenpresse - seinen Anfang nahm.
Der bereits in der Antike praktizierte Tyrannenmord wurde zunehmend ersetzt durch Terroranschläge, deren Opfer (die „Kapitalisten“, die „Israelis“, die „Touristen“ etc.) ebenso anonymisiert erscheinen wie die Täter (geheime Verschwörergruppen, die mehr und mehr an die Stelle des einzelnen Attentäters treten).

Wenn Peter Waldmann in Kapitel vier „logistische Aspekte“ des Terrorismus untersucht, analysiert er dabei vor allem das Zusammenspiel von Terrorismus und Massenmedien, die Organisationsstruktur terroristischer Gruppen, den Einfluss geographischer Bedingungen und die Rolle der (modernen) Technik.

In den folgenden beiden Kapiteln zeigt Waldmann die Unterschiede zwischen sozialrevolutionärem, ethnisch-nationalistischem und religiösem Terrorismus auf, wobei er die Entstehungsgeschichte der RAF, der baskischen ETA sowie verschiedener islamisch-fundamentalistischer Gruppen als Beispiele anführt. Besonders aufschlussreich sind seine Analysen zum sozialen Hintergrund der Terroristen - ein Thema, auf das er an späterer Stelle (Kapitel acht: „Auf der Suche nach der terroristischen Persönlichkeit“) noch ausführlicher zu sprechen kommt.

Das siebente Kapitel ist vor allem aus politikwissenschaftlicher Sicht interessant, denn darin untersucht der Autor das Wechselspiel von terroristischen Kampagnen und breiten politischen Protestbewegungen. Er legt schlüssig dar, weshalb terroristische Anschläge in Diktaturen häufig den Auftakt für Massenproteste bilden, während sie in demokratischen Systemen oftmals das „Ausfallprodukt“ einer gescheiterten oder abgeflauten Protestbewegung sind und beschäftigt sich außerdem mit der Frage, warum Demokratien mehr als drei mal so häufig von terroristischen Aktivitäten heimgesucht werden wie autoritäre Regime.

Kapitel acht und neun widmen sich vor allem der Psychologie - zum einen dem individuellen Profil der Täter, zum anderen der Gruppendynamik innerhalb terroristischer Organisationen.

Im letzten Kapitel beschreibt der Autor die schwierige Gratwanderung zwischen der Bekämpfung des Terrorismus und der Bewahrung rechtsstaatlicher Prinzipien. „Denn gerade weil Demokratien politische Protestbewegungen zulassen und die Grundrechte schützen, können sie auch nicht verhindern, dass kleine Gruppen diese Bedingungen für kriminelle Zwecke missbrauchen. Die Losung kann also nicht lauten: den Terrorismus ein für allemal beseitigen. Vielmehr geht es vor allem darum, ihn einzudämmen und nach Möglichkeit zu kontrollieren.“ (S. 183)

Peter Waldmanns Buch ist vor allem als Einstiegslektüre geeignet, denn es bietet nicht mehr und nicht weniger als eine allgemeine Einführung in ein äußerst komplexes Thema.
Das sollte jedoch den sachkundigen Leser nicht davon abhalten, ebenfalls einen Blick in dieses Buch zu werfen. „Terrorismus - Provokation der Macht“ ist nicht nur informativ und gut lesbar, sondern wirft auch so manche innovative These auf.

© Adriana Wipperling 2001
(Erstveröffentlichung in: WeltTrends Nr. 31, Sommer 2001)

Peter Waldmann, Terrorismus - Provokation der Macht,
Gerling Akademie Verlag, München 1998, 221 S., ISBN 3-932425-09-X