Buchtipps

Peter Waldmann:
Terrorismus - Provokation der Macht


Auszug

Die Anschläge, so die Definition, sind schockierend. In diesem Punkt sind sich so gut wie alle Autoren, die das Phänomen untersucht haben, einig: Terroristische Aktionen setzen sich gezielt über die jeweils geltenden rechtlichen und moralischen Konventionen hinweg, sie zeichnen sich oft durch besondere Unmenschlichkeit, Willkür und Brutalität aus. Nicht von ungefähr hat David Rapoport in diesem Zusammenhang von einer Politik der atrocity, der Gräßlichkeit oder Scheußlichkeit,gesprochen.
Man denke etwa an die islamischen Fundamentalisten in Algerien, die Frauen und Kindern in den überfallenen Dörfern die Kehle durchschneiden, an die baskische ETA, die eine Geisel acht Monate lang in einem Gehäuse von 2 m Länge, 2 m Breite und 2 m Höhe gefangen hielt, oder an die sogenannte Triple A, eine rechts-terroristische Vereinigung im Argentinien der 70er Jahre, deren Mitglieder Gewerkschafter in Vororten von Buenos Aires aus ihren Häusern zerrten und auf nahen Plätzen mit Bomben buchstäblich in die Luft jagten. Aus Abschreckungsgründen verhinderten sie anschließend, daß die an Telefondrähten hängengebliebenen, verwesenden Körperteile entfernt wurden.
Wie das letzte Beispiel zeigt, ist der Schockeffekt kein nebensächliches oder zufälliges Merkmal terroristischer Aktionen, sondern zentraler Bestandteil terroristischer Logik und Strategie. Er soll für allgemeine Aufmerksamkeit sorgen, garantieren, daß der Anschlag von einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird. Bezeichnenderweise hat die außerordentliche Grausamkeit, mit der ein Opfer exekutiert wird, meist sehr wenig mit seiner Person zu tun. Möglicherweise wird er/sie zur Zielscheibe der Terroristen, weil er/sie einer bekämpften Kategorie von Personen angehört; z.B. Kapitalist oder Tourist ist und sich zum falschen Zeitpunkt im falschen Land an einem bestimmten Ort befindet. Es kann aber auch gänzlich Unschuldige, rein nach dem Willkürprinzip ausgewählte Menschen, etwa Kinder oder Greise, treffen. Ein Spanier hat dieses Paradox einmal in die treffende Formel gefaßt: Es wäre weniger schlimm, wenn sie (die Terroristen, A.d.V.) jemanden umbrächten, weil sie ihn persönlich hassen; das Unmenschliche besteht darin, daß sie ihn töten, ohne eigentlich etwas gegen ihn zu haben.
In der Tat: die jeweils ermordete oder sonstwie zu Schaden gekommene Person zählt für den Terroristen nicht. Die Gewalttat hat nur einen symbolischen Stellenwert, ist Träger einer Botschaft, die in etwa lautet, ein ähnliches Schicksal könne ein jeder erleiden, insbesondere derjenige, der den Terroristen bei ihren Plänen im Wege steht.